Harmonische Hochzeitsreise

Für die meisten von uns ist die Hochzeitsreise eine glückliche, aber leicht verblasste Erinnerung. Für Peter und Victoria Readman erneuert sie sich, sobald sie einen Konzertsaal betreten, denn der erinnert sie an die Geburt eines Klangkörpers, der zu einem der besten Kammerorchester der Welt wurde – das Chamber Orchestra of Europe (COE).

Peter Readman hatte als Schüler passabel Horn gepielt, Victoria eine mehr als passabel spielende Pianistin, aber als sie 1980 ihre Hochzeitsreise zu den Salzburger Festspielen antraten, hätten sie es sich nicht träumen lassen, in Kürze eine entscheidende Rolle bei der Gründung eines internationalen Orchesters zu spielen. In Salzburg wurden sie von ihrem alten Freund, dem Dirigenten James Judd, Assistent Claudio Abbado beim European Community Youth Orchestra, zum Abendessen eingeladen, wo er sie mit einem verwegenen Vorschlag konfrontierte. Eine Gruppe junger Musiker des Orchesters, die bald die für das Jugendorchester geltende Altersgrenze erreichen sollten, suchte nach einer Möglichkeit, weiterhin zusammen zu arbeiten und Kapital aus den gewonnenen Erfahrungen zu schlagen. Ihr Plan war es, ein eigenes Kammerorchester, zusammengesetzt aus jungen Musikern im Alter zwischen 20 und 30 aus ganz Europa, zu gründen. Als Finanzberater von bedeutender Reputation und ehemaliges Mitglied eines regierungsnahen Think Tanks war Peter Readman eine offensichtliche Wahl, um die geschäftliche Seite der Unternehmung zu betreuen.

Zunächst lehnte Readman das Ansinnen ab, aber Victoria überzeugte ihn schließlich von der Idee –  und bereits auf dem Rückweg nach London dachte er über mögliche Sponsoren nach. Wie abzusehen war, reichten die Reaktionen auf entsprechende Anfragen von mitleidiger Ablehnung bis hin zu Beleidigungen. Er selbst hatte zu diesem Zeitpunkt jedoch bereits genug Vertrauen in die Umsetzbarkeit des Modells. Im Mai 1981 setzte er alles auf eine Karte: Er brachte Mitglieder des „Embryo-Orchesters“ aus den Niederlanden, aus Deutschland, Dänemark, Frankreich, Italien und aus dem gesamten Vereinten Königreich nach London, wo sie unter wenig idealen Bedingungen so gut es ging, probten und bei Freunden auf Sofas und in Flurs übernachteten. Readman buchte die Merchant Taylors Hall in der Innenstadt für das erste Konzert und lud eine handverlesene Menge von 300 Zuschauern dazu ein.  Darunter viele Hände, die es buchstäblich wert waren, geschüttelt werden.

 

Wenn dieses Mozart-Konzert mit Abbado und Judd als Dirigenten und mit Bishop-Kovacevich als Solist nicht zu einem so überragenden Erfolg geführt hätte, wäre aus dem COE eine Totgeburt geworden. Aber so wie es lief, wurde es für alle Beteiligten zu einem unvergesslichen Erlebnis. Die Qualität des Spiels, vor allem aber die Begeisterung der Spieler, übertrugen sich auf alle Anwesenden, und am Ende der anschließenden Party kamen £20.000 an Privatspenden und Sponsorenmitteln zusammen. Dieser erste Triumph wiederholte sich noch weitere Male, am bemerkenswertesten vielleicht in Budapest, als nicht nur Abbado (inzwischen Künstlerischer Berater des COE), sondern auch die Managerin des London Symphony Orchestra, June Hall, in Tränen ausbrachen. Der Applaus dauerte noch eine weitere halbe Stunde, nachdem der letze Spieler von der Bühne gegangen war, an.

 

Huon Mallalieu
Der Artikel erschien im Juli 1984 erstmals in The Times

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